Feiertag

Warum wir den 3. Oktober feiern und nicht begehen sollten.

Am 22. Dezember 1989 hat mich mein Vater von der Schule befreit und zwei Flugtickets nach Berlin auf den Frühstückstisch gelegt. Meine Mutter hatte meinen Reisepass bereit und der kleine 9jährige Junge wusste nur, dass er heute den ersten Flug seines Lebens vor sich hatte. Und er wusste, dass da etwas vor sich ging, dass anscheinend vieles verändern würde.

1989 konnte sich auch ein kleiner Junge dem Gefühl und dem Eindruck nicht entziehen, dass etwas Großes vor sich geht. Die Tagesschau war Teil meines abendlichen Bettgehrituals, Politiker hatten seltsame Namen (entweder hießen sie wie Tiere oder wie Gemüse) und die ältere Babysitterin, die aus Bautzen stammte hatte am 30.9.1989 Tränen in den Augen, als Hans-Dietrich Genscher in der deutschen Botschaft in Prag auf dem Balkon stand. Sie erzählte mir von ihrer Familie in der DDR und davon, wieso es jedesmal im Telefon laut knackte, wenn sie mit ihrer Tochter telefonierte oder warum manche Päckchen geöffnet wurden, bevor ihre Familie in der DDR sie entgegennehmen konnte. Ich erinnere mich auch noch gut daran, wie mich die Bilder beeindruckten, die Menschen zeigten, die Kopfbänder mit dem Aufdruck „Keine Gewalt“ trugen und „Wir sind das Volk“ riefen (deshalb ist dieser Ausruf für mich auch immer mit dem Wunsch nach demokratischen Freiheiten und nicht nach nationalistischen Populismen verbunden – ganz gleich, wie sich die neuen Rechtsnationalen darum bemühen diesen Spruch umzudeuten). Ich spürte, dass da Angst, Freude und Ungewissheit zugleich bei den Erwachsenen war, mit denen ich solche Bilder im Fernsehen sah.


 

Als Kind im Westen Deutschlands wuchs man auf mit dem Ost-Sandmännchen und mit dem Wissen, dass da eine Mauer ist, die durch ein Land geht. Dass es ein „Drüben“ gab. Diese Mauer war dazu da Menschen zu trennen, die eigentlich zusammen leben wollten. Warum dies so war, war für ein kleines Kind noch nicht greifbar. Aber spürbar war es, dass dies nicht richtig sein konnte. Man musste ja nur nach Hof fahren um das zu sehen. Man musste ja nur den Menschen, die von „Drüben“ kamen zuhören.

Am 22. Dezember 1989 ging es mit British-Airways früh nach Berlin und spät Nachts mit Pan-Am zurück nach Nürnberg. Die Lufthansa durfte ja nicht nach Berlin fliegen. Neben Besuchen im Cockpit und unzähligen kleinen Cola-Dosen, die die Begeisterung fürs Fliegen bei dem Neunjährigen zusätzlich steigerten, ging es in Berlin zu erst ins Café Kranzler. Dort waren meine Eltern gerne, wenn sie die IFA besuchten und dort sollten auch mein Vater und ich Kuchen essen. Zum Glück vergass mein Vater dort seinen Schal oder Regenschirm, so dass wir später nochmals ins Kranzler mussten.

Nach einer Weile in Berlin ging es mit dem Taxi zum Brandenburger Tor. Der Taxifahrer stieg gleich mit aus und stellte sein Fahrzeug irgendwo an der Straße des 17. Juni ab. Immer dichter wurde die Menge vor dem Brandenburger Tor und irgendwann hing ich eingepfercht mit dem Kopf über der Masse und erlebte einen historischen Augenblick. Vor uns standen wohl auch Männer in schwarzen Anzügen und umstellten den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl und den DDR-Ministerpräsidenten. Es dauerte eine Weile und dann hatten Menschen neben mir Tränen in den Augen, was mich schon beeindruckte, und als wir um das Brandenburger Tor herum gingen – durch das Tor durfte man nicht – standen da Volkspolizisten, die nicht so richtig wussten, was geschah. Die Masse löste sich auf und wir fuhren über den Bahnhof Friedrichstraße – ohne Ticket, was mich damals maßgeblich beeindruckt hat, weil ich ja wusste, dass Schwarzfahren bestraft wird – zurück. Den vergessenen Schal mussten wir noch aus dem Kranzler holen. Dort traf ich dann auf Helmut Kohl, dessen Leibwächter mich zu ihm durchliessen und er mir ein Autogramm gab. Er hat auch irgendwas mit mir gesprochen, aber für mich war nur spannend, dass da einer der Politiker mit seltsamen Namen aus der Tagesschau war. Außerdem fand ich das ganze drum herum spannender.

Was mich an diesem Tag und den folgenden Tagen am meisten beeindruckt hat, waren aber die Gefühle, die man wahrnehmen konnte. Da waren die Menschen am Brandenburger Tor, die eine unheimliche positive Energie ausstrahlten, da waren die Autokolonnen am Grenzübergang in Hof, die wir gemeinsam mit meiner Babysittern mit Schokolade empfingen. Ulla, so hieß meine Babysitterin damals hatte Tränen in den Augen und später in der Stadt war eine für Deutschland wohl seltene Stimmung von tiefer Freude, Ausgelassenheit und Spontaneität. Alles Gefühle, keine gesellschaftlichen Thesen, keine Nachdenklichkeit, sondern Freude darüber, dass etwas Großes geschieht, ohne, dass Gewalt eine Rolle spielt.

Der Grund, warum ich immer wieder an diese Momente denke, die für einen neunjährigen Jungen nur ein kleiner Teil seiner Biographie und zwischen Lego, Fußball und Schule auch nur ein kleiner Teil seiner damaligen Lebenswirklichkeit waren, ist, dass ich diesen Tag der deutschen Einheit als etwas besonders Schönes empfinde. Und ich finde, dass dieser Tag der deutschen Einheit leider nicht gefeiert, sondern nur begangen wird. Es wäre ein Tag, an dem jeder in Deutschland, egal woher er kommt, sich freuen könnte. Ein Tag, an dem es statt oder zumindest zusätzlich zu den Staatsakten eigentlich Straßenfeste geben müsste. Das wäre ein Tag, an dem man nicht nur die Wiedervereinigung feiert, sondern auch die Erfüllung vieler persönlicher Wünsche, das Ende trauriger Trennungen und das Ende eines weltumspannden Konflikts zwischen Ost und West. Das wäre eigentlich ein schöner Tag um zumindest einmal im Jahr von einer friedlichen Utopie zu träumen und zu feiern.

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