Man muss die Schuld auch mal bei anderen suchen

In der Politik würde man jetzt nach Rücktritt rufen

Ein vormals gefeierter Journalist und Redakteur des Spiegel hat seine Geschichten teils erlogen. Das ist tatsächlich ein Skandal und es ist für den ernstzunehmenden Journalismus eine Katastrophe. Nicht nur, weil es gelungen ist die angeblich so sichere Bank der Spiegel Dokumentation zu überwinden, sondern weil es an der Übernahme von Verantwortung fehlt.

Ein Essay als Antwort?

Die Chefredaktion des Spiegel will aufklären und Fehler abstellen. Die Chefredaktion übernimmt aber keine Verantwortung und klärt in der Art einer Reportage, fast schon im Stile des Epos vom gefallenen Helden über den Skandal auf.

Tragisch daran ist, dass es zeigt, dass sich nichts ändern wird. Es besteht doch ganz offensichtlich ein Widerspruch zwischen dem Wunsch nach immer emotionaleren und dramatischeren Geschichten, die gespickt mit Einsichten und literarischen Anmerkungen eine Story erst „schön“ machen sollen. Und dem Grundsatz der sachlichen Aufklärung und Berichterstattung. Hinzu kommt, dass eine Kultur des Scheiterns wohl nicht vorgesehen ist. Nämlich ein Scheitern einer Recherche an einer mutmaßlich großen Story.

Vielleicht ist es an der Zeit, die Trennschärfe wieder deutlicher zu machen zwischen den Fakten und deren Interpretation. Die Berichterstattung über die Fakten ist wohl die Kernaufgabe eines Journalisten, die Interpretation ist eine sehr private, subjektive Angelegenheit, die dem Leser überlassen bleiben sollte und die der Redakteur durch eine Reportage nur begleiten sollte. Die Trennung zwischen beiden Welten scheint nicht nur dem Spiegel nicht mehr so einfach zu gelingen.

Vielleicht muss aber auch die Ausbildung von Journalisten endlich eingefasst und neu strukturiert werden. Viel zu oft scheint die Bewertung von Ereignissen wichtiger zu sein, als die faktenbasierte Berichterstattung. Was in Formaten wie „was wir wissen und was nicht“ schon gut gelingt, müsste wohl sehr viel stärker in die journalistische Arbeit Einzug halten – auch im Kleinen, auch dann, wenn es nicht um Terroranschläge oder Katastrophen geht. So wäre eine bessere Absicherung vor Betrug möglich.

Journalisten sind ja keine Blogger

Und sie sollen es bitte auch nicht werden. Das bloggen der „Influencer“ ist vorwiegend subjektiv, oft Suchmaschinenoptimiert und an eine Zielgruppe gerichtet. Es gehört zu den Formaten, die wohl am wenigsten journalistisch und am meisten „essayistisch“ sind. Tragisch ist ja, dass sich Blogger bereits als Journalisten bezeichnen, weil sie Meinung publizieren, aber eben in der Mehrzahl nicht nach journalistischen Grundsätzen arbeiten.

Back to the roots

Was Journalismus ausmacht ist doch das trockene Handwerk des Recherchierens, der korrekten Darstellung von Sachverhalten und nicht der große Meinungsbeitrag oder die literarische Reportage. Information also, die Seite 3 braucht dann die Kombination aus beidem, jedoch immer mit der klaren Nachvollziehbarkeit.

Verantwortung übernehmen

Zum Schluss glaube ich, dass es wichtig ist, dass auch in diesem Falle klare Verantwortung übernommen werden muss. Es scheint ja kein Redakteur wirklich geprüft zu haben, was da publiziert wurde. Es hat auch kein Preisgeber geprüft, was hinter der Geschichte steckt. Das ist umso überraschender, als sich jetzt diese Preisgeber so sehr wundern und empören.

Verantwortung übernehmen heißt auch, die finanziellen Rahmenbedingungen für Journalisten zu verbessern. Da kommt dann auch eine Kultur des Scheiterns zu tragen. Große Recherchen müssen scheitern dürfen ohne, dass der Journalist finanziell darunter leidet. Das System der festen Freien ist nicht wirklich so gemacht, dass es tiefe und verlässliche Recherche verbessert.

Alles das wären Punkte, die nun tatsächlich bei den großen und kleinen Medienhäusern angegangen werden sollten. Die Schuld ganz allein bei Relotius zu suchen, zu finden und episch zu beschreiben mag menschlich und literarisch erfüllen, verändern wird das nichts.

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