Politisch Inkorrekt

In Deutschland breitet sich der politisch Inkorrekte Mainstream aus.

Gedanken über Agitatoren, Mitläufer und Verantwortung.

Die Agitatoren

„Ich möchte, dass ihr euch im Dienst am Vaterland verzehrt! Ich möchte euch als neue Preußen!“ (Björn Höcke)

Ja, man möchte es nicht glauben, aber es gibt ihn wieder, den Duktus eines Reichspropagandaministers, der zum „totalen Krieg“ aufgerufen hat, der mit rhetorischen Tricks Hass und Häme in seinen Zuhörern geweckt und sie motiviert hat, Dinge zu tun, deretwegen es ein Mahnmal in Berlin gibt.

Ja, diesen rhetorischen Duktus findet man bei einem Lehrer, der Geschichte unterrichtet hat.

Diesen Duktus fand man auch früher bei akademisch gebildeten Menschen. Mit früher meine ich die Zeit nach 1919, in der sich der Nationalsozialismus durch Fake-News wie der Dolchstoßlegende oder den „Protokollen der Weisen von Zion“ langsam, aber ausdauernd die gesellschaftliche Akzeptanz seiner menschenverachtenden Ideologie bereitet hat. Verbreitet wurden diese Parolen von Menschen, die gebildet waren, die wussten, was die Psychologie der Massen bedeuten kann und wie man diese ausnutzt. Schlimmer noch, sie etablierten den Begriff der Rasse als definierendes Element für Menschen.

Heute gehen sie genauso vor wie ihre geistigen Paten. Sie wagen mit immer schärferen Tabubrüchen die Verankerung ihres Denkens, ihrer Haltung, ihres Habitus in der politischen und gesellschaftlichen Debatte. Sie relativieren ihr Gesagtes nachträglich, damit sie für eine bürgerliche Mehrheit wählbar bleiben. Man habe sie ja nur falsch verstanden.

Gerne nutzen sie rhetorische Fragen um die angebliche Fehlinterpretation ihrer Aussagen deutlich zu machen. Was genau sei denn so schlimm an „Denkmal der Schande“? Sie bauen so Fronten auf. Fronten zwischen denen, die „Klartext“ sprechen und denen, die „die Realität“ nicht wahrnehmen wollen und das Gesagte ja immer politisch korrekt falsch verstehen wollen. Zwischen „Establishment“ und „Volk“. Zwischen „wahr“ und „falsch“.

Dabei nehmen sie bewusst in Kauf, dass die Wahrheit untergeht. Sie wollen mit Lügen gewinnen. Denn totale Herrschaft geht historisch nie mit der Wahrheit einher, sie baut – unter anderem – auf einem festen Konstrukt von Lügen auf.

Die Mitläufer

„Wir sind das Volk“ oder „Ich möchte euch als neue Preußen“ (Björn Höcke)

Das Volk. Wir. Fast immer passiv gedacht. Das Volk als in seinem Wesen unterdrücktes Kollektiv müsse befreit werden. Befreit von der ach so undemokratischen Gewalt der gewählten Regierung. Einer Regierung, die ja Teil dieser politischen Korrektheit sei; die deshalb Teil einer übergeordneten Herrschaft aus verschwörerischen Beziehungen sei. Heute sind das die „Gutmenschen“, Akademiker, Medienleute. Allesamt von den USA gesteuert behindern sie die freie Meinungsäußerung mit ihrer ach so schlimmen politischen Korrektheit. Sie wollen zur besseren Kontrolle des „Volkes“ fremden Kulturen die „Grenzen öffnen“. Und an diesem argumentativen Punkt beginnt der Gedanke der rassischen Nation einzusickern in „das Volk“ oder die „Patrioten“. Unterfüttert von unsäglichen Büchern eines ehemaligen Berliner Senators erhält das ganze sogar einen semi-wissenschaftlichen Referenzpunkt.

Diese Idee von Volk wird aber auch immer vom Individuum in seinem subjektiven Erleben wahrgenommen. Während die Agitatoren zu einer Masse sprechen, nehmen die Mitläufer sich als individuellen Teil des Volkes wahr. Sie interpretieren ihre Haltung als die des Volkes. Deshalb schreien sie „wir sind das Volk“ und meinen doch vielmehr „ich bin das Volk“. Aufgestachelt durch Lügengeschichten und die Beschreibung diffuser „Ängste“ nehmen die Mitläufer Einzelfälle als Dauerzustand wahr.

Dieses Volk glaubt an Fremdbestimmung durch fremde Mächte, an Chemtrails und Björn Höcke.

Sie glauben, was ihnen erzählt wird. Und dann jubeln sie, wenn ein Agitator schreit, dass er ihnen den „langen entbehrungsreichen Weg zum absoluten Sieg“ verspricht. Dann skandieren sie begeistert „wir sind das Volk“.

Im Trubel der Gefühle und der sehr subjektiven Angst vergessen sie, dass sie doch gar keine Angst haben und dass sie doch gar keinen absoluten Sieg mit seinen Entbehrungen wollen. Das Volk der Individuen fühlt sich aufgehoben und sicher in der Masse und wenn die ersten Opfer der Agitatoren gezeigt werden, dann sind das immer Andere, Fremde. Die Einschläge sind nicht spürbar. Die Einschläge werden zwar näher kommen, aber Sie werden auch dann nicht spürbar, wenn es Nachbarn, Freunde oder Familie trifft. Das wissen wir aus der Geschichte. Wenn der Bann gebrochen ist, wenn die Masse überwiegt, dann gewinnen die Agitatoren.

Langsam übernimmt das Volk der Individuen die Sprache der Agitatoren, weil es Zustimmung zum Gebrauch dieser Sprache gibt. Es gibt auch Zustimmung, wenn der Gebrauch dieser Sprache kritisiert wird. Denn: Man muss es ja noch sagen dürfen. Meinungsfreiheit. Klartext.

Irgendwann verankert sich dann die rassische Idee wieder fester in den Köpfen. Sie war ja nie weg, aber sie war lange Zeit eben sehr sehr leise. Und jetzt. Jetzt wird sie wieder ausgesprochen. Zuerst implizit, wenn über den Begriff „Mohrenkopf“ gestritten wird, dann explizit, wenn Menschen aus Nordafrika eine genetische Rückständigkeit zugeschrieben wird, wenn der „afrikanische Ausbreitungstyp“ als Wahrheit und Gefahr postuliert wird.

Im Gespräch wird der Mitläufer sagen, dass das alles natürlich immer in der Relation gesehen werden müsse. Das sei „zugespitzt“. Meist kommt dann ein „aber, ich kenne da…“ und dann sind wir mittendrin im rassischen Diskurs. Dann beginnt die Vermengung von Eigenzuschreibungen und Fremdzuschreibungen. Dann wird das christliche Abendland verteidigt und von Demokratie gesprochen, die in dieser Verwendung aber Autoritarismus meint. Dann wird auf einmal das christliche Erbe hochgehalten. Gleichzeitig wird der Hass auf alles andere geschürt – unter Vernachlässigung aller christlichen Nächstenliebe. Die Nächstenliebe ist nämlich nur dann angenehm, wenn sie einen selbst betrifft, nicht, wenn sie auf jemand anderen zutrifft.

Verantwortung

Es gibt keine Flucht aus der eigenen Verantwortung auch wenn man sich in der Masse versteckt.

Irgendwann kommt der Moment an dem man sich verantworten muss. Vor sich selbst, vor anderen. Man muss sich rechtfertigen und dann gibt es keine einfache Ausrede. Dann gibt es kein „ich habe nichts gewusst.“ Alle wissen.

Gerade weil wir alle in einer aufgeklärten Gesellschaft leben wissen wir was für ein Spiel die Agitatoren spielen.

Die Wahlprogramme, die Reden, die Aussagen sind ja nicht geheim. Es ist ja nicht so, als wären die Filterblasen so dicht, dass sie undurchlässig wären. Und trotzdem laufen sie mit die Mitläufer. Wider besseren Wissens. Wider ihres „christlichen“ Gewissens.

Dem Informationsstand unserer Gesellschaft folgend entscheiden sich die Mitläufer jeder für sich ganz persönlich für ihr Mitläufertum.

Die Mitläufer tragen Verantwortung. Das wissen sie. Nur in der Masse können sie diese Verantwortung an die Agitatoren abgeben. Das ist vielleicht ähnlich wie im Fanblock beim Fußball – nur sehr viel gefährlicher. Denn es geht nunmal nicht darum einen Verein anzufeuern. Es geht darum die Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenlebens in Frage zu stellen.

Und diese Grundlagen der liberalen Werteordnung dürfen den Agitatoren nicht zum Abschuss freigegeben werden. Da darf nicht über „Ängste, die man ernst nehmen muss“ aus wahlpolitischer Gefälligkeit schwadroniert werden. Da muss es politische Kräfte geben, die eben nicht mit Zuspitzung von „Klartext“ sprechen, sondern die in der Lage sind die Komplexität der Gesellschaftsordnung in der wir leben zu erklären. Dem politisch Inkorrekten Mainstream können und dürfen wir die sprachliche und öffentliche Sphäre nicht ohne Widerstand überlassen.

Wir sollten nicht den Fehler machen und dem politisch Inkorrekten Mainstream folgen. Vielmehr muss man diesem Mainstream, der sich immer stärker auch in den etablierten Parteien äußert Widersprechen.

Wenn Höcke in seiner Rede betont, dass er und seine AFD die letzte gewaltlose Alternative sei, dann ist das eine ziemlich offene Drohung. Eine Drohung gegen die Gesellschaftsordnung in der wir friedlich leben. Es ist aber auch ein Ausblick darauf, was man von der AFD zu erwarten hat.

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