Liest du noch, oder „snapst“ du schon?

Die Digitalisierung der Politik – oder die Politisierung des Digitalen?

Liest du noch, oder „snapst“ du schon?

Autorin: Aydan Eda Simsek

Facebook, Instagram, Twitter oder Snapchat – welches genau, spielt keine Rolle, denn diese sozialen Plattformen sind mit der Medialisierung der Gesellschaft zum Teil des Alltags geworden. Rund ein Drittel der Weltbevölkerung nutzt sie aktiv, allein Facebook hat täglich 55% aktive Nutzer in der deutschen Gesamtbevölkerung.

Die Motive zur Nutzung können dabei in vier Blöcke unterteilt werden:

Mittlerweile hat sich dieses Phänomen auch zu einem Berufsfeld ausgeweitet. Sogenannte „Influencer“ – also User mit starker Präsenz in verschiedenen sozialen Netzwerken –  verdienen durch Vermarktung bestimmter Artikel oder populäre Posts in ihren regelmäßigen Statusupdates große Summen an Geld.

Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch sind Soziale Netzwerke interessant. Während die Soziologie das Phänomen der Sozialen Netzwerke quasi der Medienwissenschaft überlassen hat und sich nur teilweise einen Einblick darin erlaubt, so nutzt es die Politische Wissenschaft aktiv für die Wahl- und Wahlverhaltensforschung, Wahlkampfkampagnen und Soziale Bewegungen. Die Sozialen Medien stellen ein interdisziplinäres Untersuchungsfeld dar, welches stetig eine Entwicklung und Veränderung erfährt.        

Politik der medialen Öffentlichkeit?

Politische Parteien und staatliche Akteure werden durch ihre Mitglieder und Wählerschaft legitimiert, aber inwiefern spielen Medien hierbei eine bedeutende Rolle? Ralph Schröder erklärt in seiner Publikation „Social Theory after the Internet“, dass die private Sphäre der Gesellschaft in eine Art „öffentliche Arena“ in die Medienwelt transformiert wird.[1] Sogenannte Medieneliten übersetzen hierbei die Outputs der Politischen Elite in eine Online kompatible Form, sodass die sozialen Medien als „Transmissionsriemen“ dienen. 

Unterschieden wird auch in Kommunikation und Information. In der Politik ist Zweiteres relevant, da die AbnehmerInnen des politisch-medialen Inputs keinen Austausch mit den Politikeliten durchführen, sondern lediglich einseitiger Empfang stattfindet. Die Medien selber jedoch bilden eine Kommunikationsarena für sowohl politischen Eliten als auch den „normalen“ NutzerInnen.

Und was bedeutet das alles jetzt? Medien sind einerseits unabhängig von der Politik, können aber andererseits für politische Zwecke genutzt werden. Algorithmen berechnen nach den Klicks der NutzerInnen, welche Inhalte mit ihren Interessen korreliert und verarbeiten sie in die Nutzerflächen ein. PolitikerInnen vermitteln durch Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit ihre politische Agenda, welches direkt an die AbnehmerInnen weitergeleitet wird. Ein Gefühl der Teilhabe wird generiert, indem Reaktionen und Kommentare auf denselben Medienplattformen durch die Sozialen Medien selber ermöglicht werden.

Durch mediale Kommunikation werden jedoch Meinungen anonymisiert und viele Menschen fühlen sich auch viel wohler dabei, ihre Gedanken und Kritik online zu teilen, als in der „realen“ Welt mit aktiver Konfrontation. Es scheint einfacher zu sein, seine verärgerte Meinung über einen Politiker oder eine Politikerin online zu posten, als an Bürgerfragestunden die Hand zu heben und sie vor einem „echten“ Publikum auszusprechen. Soziale Medien scheinen für viele Bereiche der Gesellschaft als öffentliches Online Tagebuch zu dienen. Jedoch kann genau diese Freiheit und Bequemlichkeit der Medien auch ausgenutzt werden. Sei es, um Falschaussagen zu verbreiten, polarisierende Geschehnisse für politische Aussagen zu instrumentalisieren oder sogar Meinungen zu unterdrücken und verurteilen.     

[1] Schröder, Ralf: Social Theory after the Internet: Media, Technology and Globalization, UCL Press, 2018.

Mediale Revolution oder mediale Diktatur?

Nicht nur im Fashion Bereich, sondern auch bezüglich politisch relevanter Themen werden Blogs im Internet genutzt. Vor allem in Ländern mit eingeschränkter Meinungsfreiheit bieten sie die Möglichkeit, Restriktionen zur Einschränkung der Meinungsäußerung zu umgehen. Im Mittleren und Nahen Osten polarisieren politische Aktivisten online, indem sie staatliche Vorgänge öffentlich auf ihren Netzwerken kritisch hinterfragen und oft wird auch zum Widerstand aufgerufen. Social Media bietet eine viel höhere Reichweite als Print- und Fernsehmedien. Nichtsdestotrotz schaffen es Regierungen, solche Aktivitäten verbieten oder sogar zu unterbinden. Die zuvor beschriebene Freiheit der Kommunikation und Information innerhalb der Medien wird dadurch unter Druck gesetzt und der Informationsfluss sogar überwacht. Solche Eingriffe sind schädlich für eine Entwicklung der Gesellschaft und stellen einen Vertrauensbruch zwischen dem Staat und der Bevölkerung dar. Die UNESCO („The United Nations Educational, Scientific and Cultural Organisation“) empfiehlt, dass das Internet “menschrenrechtsbasiert, offen, zugänglich und unter Beteiligung aller betroffenen Akteure“ sein sollte.[1]

[QUOTE] “Die Kommunikations- und Informationsfreiheit steht in vielen Ländern der Welt unter Druck. Regierungen überwachen zunehmend den Informationsfluss, fordern die Sperrung von Inhalten oder sperren diese selber.“ (UNESCO-Weltbericht, Pressebericht, 3. November 2017)

Dadurch werden auch Journalisten und BloggerInnen unter Druck gesetzt und erleiden oft sogar psychische, verbale und physische Angriffe durch RegierungsvertreterInnen oder Personen, die der Regierung nahe stehen.       

[1] https://www.unesco.de/node/442

 

Politische Krisengebiete = Mediale Krisengebiete

Allein bis November des Jahres 2017 gab es 61 Internetsperren weltweit, wobei insbesondere der asiatische Kontinent betroffen ist. In Pakistan sind 54 soziale Netzwerke gesperrt und in Ägypten 21. Als Gründe für diese Sperrungen nennen Regierungen „Schutz vor Terrorismus“ oder auch „Schutz des eigenen Landes“.

Auch in der Türkei werden regelmäßig unterschiedliche soziale Medien gesperrt und entsperrt. Zu Zeiten der Anschläge in 2016 wurde zeitweise der Zugriff auf Whatsapp, Facebook, Instagram und Snapchat gesperrt. Heute noch ist Wikipedia nicht nutzbar, da die Betreiber der Seite der Regierung zufolge „Terror und Gewalt verherrlichen, den Bürgerkrieg in Syrien durch Informationen unterstützen, die innere Sicherheit des Landes gefährdet, das Rechtssystem behindert“.[1] Zwar werden solche Maßnahmen sowohl von der UN als auch anderen, demokratischen Staaten scharf kritisiert, jedoch scheint dies nicht zu bringen.

Politische Medialisierung

BloggerInnen und Journalisten sind trotz allen Hürden in der Lage, solche Sperrungen und Restriktionen zu umgehen. Im Zeitalter der Medialisierung Entwickelt sich nicht nur die Technik und das Internet, sondern auch „einfache NutzerInnen“ finden Methoden, um diesem unglaublichen schnellen Prozess hinterher kommen zu können. Verschlüsselte oder veränderte IP Adressen ermöglichen den freien Zugriff für ausgewählte EmpfängerInnen. International wird zudem stark vernetzt, um die Information und Kommunikation auch außerhalb des eigenen Landes verbreiten und ermöglichen zu können.

Es bleibt zu hoffen, dass diese Bemühungen so weit gehen, dass sich die restriktiven Situationen in diesen Ländern aufheben. Die rasanten Veränderungen innerhalb der Sozialen Netzwerke scheinen jedoch nicht anzuhalten.

 

[1] http://www.hurriyet.com.tr/gundem/wikipedia-aciliyor-mu-sorusu-merakla-araniyor-wikipedia-neden-kapatildi-40443414

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