Social Media im arabischen Frühling Part II

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Social Media und der arabische Frühling

Part II – Protest und Social Media

Im zweiten Artikel geht es um die Frage, wie Protest und Widerstand sich im arabischen Frühling entwickelt haben und welche Rolle Social Media als Vermittler von Frustrationserfahrung gespielt hat.

No Future


Asef Bayat, ein Politikwissenschaftler der lange Zeit an der American University Cairo gearbeitet hat, ist der Urheber der Theorie der „street politics“.

Diese Theorie entwickelte er anhand der Analyse früherer Protestbewegungen unter anderem in der arabischen Welt und in Iran.

Wesentliches Merkmal seiner Theorie ist, dass sie die klassische Theorie der sozialen Bewegungen (social movement theory) ergänzt und in Teilen auch ersetzt.

Geht die klassische Social Movement Theorie davon aus, dass Demonstrationen und Proteste meist einer ideologischen Leitidee unterliegen und dass diese Leitidee von einer Führungsmannschaft einer organisierten Bewegung vermittelt wird, so spricht die Theorie der Street Politics von einem meist unorganisierten und vorerst unideologischen Charakter moderner Protestbewegungen.

Beide Theorien haben ihre Relevanz. Im Falle des arabischen Frühling trifft aber besonders die Idee der Street Politics den Kern.

Anders als bei sozialen Bewegungen wie beispielsweise der grün-ökologische Bewegung in Europa, handelt es sich bei den Protesten im arabischen Frühling um mehr oder weniger spontane, unideologische und erst spät mit Führungspersönlichkeiten ausgestattete Demonstrationen.

Quiet encroachment of the ordinary

Im arabischen Frühling haben sich keine Ideologien ausgedrückt, sondern es hat sich der Unmut und die Frustration über korrupte Staats- und Lebensverhältnisse geäußert.

Die Theorie der political Street beschreibt ganz deutlich, wie sich Protest erst ganz leise und unbemerkt und schließlich laut und umstürzlerisch Raum verschaffen kann.

Denn es geht um Räume, deren Nutzung neu verhandelt wird. Diese Räume können sich greifbar in konkreten öffentlichen Plätzen, aber auch in sozialen Verhaltensweisen oder in Social-Media manifestieren. Durch alltägliches Verhalten auf und in den ursprünglich passiv gedachten öffentlichen Plätzen werden diese aktiv aufgeladen. Die originäre Nutzung dieser Räume wird also in kleinen Schritten verändert.

Öffentliche Räume

In den autoritären Republiken wie Ägypten oder Tunesien vor 2011 werden öffentlichen Plätze staatlich kontrolliert, werden öffentliche soziale Verhaltensweisen normativ reglementiert. Öffentliche Orte und Räume sind also nicht dafür gedacht, sich religiös oder gar politisch zu äußern – ein vom Regime unerwünschtes Verhalten soll unterbunden werden.

Mit einer Änderung gewöhnlicher Verhaltensweisen – wie beispielsweise dem Tragen des Kopftuchs oder dem vermehrten Aufhalten auf größeren Plätzen – wird der öffentliche Raum der autoritären, meist säkular konzipierten Regime jedoch durch gewöhnliche Handlungen schrittweise der normativen Kontrolle des Regimes entzogen.

Dies geschieht in einem stillen, unkoordinierten Protest, der eher auf Nachahmung, als auf geplanter Aktion beruht.

Neue Räume im Internet und in Social Media

Neben den öffentlichen Plätzen bietet das Internet besonders mit den Möglichkeiten des Web 2.0 die Chance neue, unkontrollierte Räume für mehr oder weniger freie Entfaltung zu eröffnen.

Protest gegen das Regime hat sich in Ägypten beispielsweise durch eine seit Mitte der 2000er Jahre anwachsende Bloggerszene ausgedrückt, die eine Parallelöffentlichkeit zu den etablierten und vom Regime kontrollierten Medien bilden konnte.

Weiterhin nahm die Sichtbarkeit religiöser Symbole wie des Kopftuchs oder der so genannten Kassettepredigten (immer prominentere populäre Prediger ließen ihre Predigen auf Kassetten an die zahlreichen Taxifahrer verteilen) zu. Auch politisch oppositionelle Gruppen wie die Muslimbruderschaft richteten im Ausland gehostete Websiten ein und schufen sich Social-Media Profile.

Das Internet schuf also einen Interaktionsraum für den Ausdruck von Frustration, für das Teilen ähnlicher Erfahrungen und für den Austausch innerhalb einer Generation. Besonders Social Media war hierfür prädestiniert.

Das Symbol einer Generation

Mit einzelnen emotional aufgeladenen Momenten wurde individueller Protest zu einem Massenprotest.

Als der junge Blogger Khaled Said von der ägyptischen Polizei ermordet wurde und die vertuschten Hintergründe dieses Mordes im Rahmen der Leichenschau öffentlichen wurden, gründete sich eine Facebook-Seite mit dem Namen „We are all Khaled Said“.

Was war passiert?

Khaled Said wurde von der ägyptischen Polizei festgenommen unter dem Verdacht Rauschgift zu vertreiben. Der Festnahme habe er sich entziehen wollen und sei gestorben, weil er beim Versuch ein Päckchen Mariuana zu verschlucken erstickt sei.

Die Bilder des Leichnams, die Saids Schwester jedoch heimlich im Rahmen der Leichenschau mit ihrem Handy machte, ließen jedoch nur den Schluss zu, dass er zu Tode geprügelt wurde von der Polizei. Das Bild seines zertrümmerten Kopfes machte in den Sozialen Netzwerken die Runde. In Verbindung mit der öffentlichen Abwiegelung und der Verschleierungstaktik des Regimes entstanden zwei Öffentlichkeiten – die sozialen Netzwerke auf der einen, die regimetreuen Medien auf der anderen Seite.

Khaled Said wurde zum Symbol der Ungerechtigkeit, der Korruption und der Willkür, der sich eine ganze Generation in Ägypten ausgesetzt sah.

Dieses Symbol definierte die Proteste, die ihren Anfang am offiziellen Feiertag der Polizei nahmen.

Fazit

Eine klare ideologische Botschaft war mit Khaled Said nicht verbunden: Freiheit, Würde und Gerechtigkeit waren die ersten Forderungen, die den Protest anleiteten. Die Motivation lag im übergreifend geteilten Gefühl einer Generation.

Diese Grundlage der Proteste lässt sich mit der klassischen Theorie sozialer Bewegungen nicht greifen. Die Theorie der Street politics fasst diese Proteste besser und nimmt den unkoordinierten Charakter auf und verbindet ihn mit den Interaktionsmöglichkeiten, die der Prozess des quiet encroachment of the ordinary im analogen (öffentliche Plätze) und digitalen (Social Media) Raum bietet.

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