Vom langsamen Sterben des Mantelteils

Lokale Tageszeitungen haben ein Problem. Sie fokussieren sich immer noch auf die „großen Nachrichten“. Dabei liegt ihre Kernkompetenz ganz woanders. Ein paar provokante Gedanken dazu wie der Lokaljournalismus wieder an Bedeutung gewinnen kann, wenn er vom digitalen Storytelling lernt.

Lesen 2.0

Ich gebe zu, dass die Bezeichnung 2.0 etwas abgedroschen ist. Trotzdem fasst sie genau das zusammen, was besonders die klassischen Medien im Rahmen der digitalen Transformation erleben: Der Leser wird zum Überbringer der Nachricht.

Die political Street

Es gibt dafür viele Theorien. Eine, die diesen Wandel des Lesers sehr gut beschreibt, ist die Theorie von Asef Bayat mit Namen: political Street.
Worum es geht beschreibt Bayat anhand der Revolten und Proteste in Nordafrika und dem Nahen Osten vor 2011.
Im Grunde genommen geht es darum, dass Menschen Gefühle, Stimmungen und Ansichten teilen und Ausdrücken ohne, dass es einen organisatorischen Überbau dafür braucht. Anders als in der Theorie der sozialen Bewegungen (Social Movements), wird das Anliegen für einen Protest, beziehungsweise eine öffentliche Darstellung von Widerstand nicht über eine grundlegende ideologische Fundierung, sondern über ein tieferliegendes Verständnis geteilt.
Haben soziale Bewegungen wie beispielsweise die Grüne Bewegung in den 1980er Jahren ihr Anliegen immer auch organisatorisch kanalisiert, so werden moderne soziale Bewegungen von einem inhärenten Verstehen angetrieben.
Der öffentliche Ausdruck geschieht spontan. Und: es nehmen alle daran teil und erzeugen Reichweite und Meinungsbildung.

Die Mode ändert sich

Ein Beispiel für diese modernen sozialen Bewegungen ist die Mode als Ausdruck des Widerstands. Die vor 2011 meist säkularen autoritären Regime im Nahen Osten haben Religion verhindert, beziehungsweise verstaatlicht.
Der öffentliche Ausdruck von Religion wurde von den öffentlichen Plätzen verbannt. Kleidung wurde seit den 1960er Jahren zunehmend säkular. Als Ausdruck des Widerstands gegen diese staatliche Beeinflussung nahm ab Mitte der 1990er Jahre die Sichtbarkeit religiöser Kleidung zu. Sie zu verbieten war den Regimen ebensowenig möglich, wie die Sichtbarkeit dieser Kleidung im öffentlichen Raum zu unterbinden. Die Menschen haben sich diesen Raum selbst und unorganisiert angeeignet. Die Motivation dazu lag nicht allein in religiösen Aufrufen, sondern in einem inhärenten Verständnis breiter Gesellschaftsschichten darüber, dass das Tragen religiöser Kleidung (Kopftuch, Körperverschleierung, Gebetsketten) einen Widerspruch zum herrschenden Regime ausdrücken kann.

Der klassische öffentliche Diskurs

Im klassischen Diskurs wird Meinung editiert. Diese redaktionelle Bearbeitung haben im klassischen Modell die Redaktionen der Tageszeitungen und Magazine inne. Der Diskurs, der Meinungen und Stimmungen abbildet wird durch institutionalisierte Prozesse aus gesellschaftlichen Organisationen wie Parteien, Gewerkschaften und Institutionen durch die klassische Presse in die gesellschaftliche Debatte getragen. Diese Debatte wird wiederum in den genannten geschlossenen Debattenräumen diskutiert und editiert.
Zum Schluss gibt es also einen übersichtlichen und nachvollziehbaren Prozess der Meinungs- und Willensbildung.

Eine idealisierte Darstellung von Öffentlichkeit vor der Digitalisierung.

Der digitale öffentliche Diskurs

Soziale Netzwerke, Blogs und die algorithmischen Voraussetzungen, die das so genannte Web 2.0 bieten, haben zu einer Nutzungsänderung des Internet geführt. Es hat sich gewissermaßen von der administrierten Litfaßsäule zur interaktiven Speakers Corner gewandelt. Natürlich gibt es weiterhin Angebote, die eindimensional auf ihre Leser einwirken, die Reichweite und Aufmerksamkeit erhalten. Bei multidimensionalen Angeboten ist dies jedoch erheblich höher.
Es hat sich also ein Strukturwandel in der Konstruktion von Öffentlichkeit durchgesetzt: Neben die klassische, editierte und kommentierte veröffentlichte Meinung tritt eine unkommentierte, sehr unmittelbare Öffentlichkeit.

Darstellung der Struktur von Öffentlichkeit beeinflusst durch die Digitalisierung.

Der Diskursrahmen, in dem wir uns hier befinden zeichnet sich durch 4 Kernpunkte aus:
– Unmittelbarkeit
– Vernetzung
– Reichweite
– Algorithmus

Unmittelbarkeit

Stimmung war und ist schon immer ein direkter, unmittelbarer Gefühlsausdruck gewesen. Im digitalen Diskurs lässt sich diese Stimmung unmittelbar einer breiteren Öffentlichkeit mitteilen.

Vernetzung

Die Unmittelbarkeit des Stimmungsausdrucks geschieht im digitalen Diskurs sehr häufig in einem vernetzen Kontext. Kommentare werden auf- oder abgewertet, Artikel werden häufig mit verbundenen Meinungs- oder Stimmungsäußerungen im Netzwerk geteilt.

Reichweite

Dieser Vernetzungskontext hat Einfluss auf die Reichweite von Stimmungs- oder Meinungsäußerungen. Je mehr Menschen in einem Netzwerk eine Meinung, beziehungsweise eine Nachricht mit der entsprechenden Stimmungsäußerung teilen, auf-/abwerten oder kommentieren, desto stärker steigt die Reichweite an.

Algorithmus

Die algorithmischen Bedingungen der Netzwerke sorgen dafür, dass Interaktion weitere Reichweite und Sichtbarkeit erzeugt.

Klassischer vs digitaler Diskurs

Die wesentlichen Änderungen des modernen Diskurses im Vergleich zum klassischen Diskurs sind also in einer Veränderung des Umgangs mit dem Internet zu sehen.
User werden aktiv und interagieren unmittelbar, mit großer Reichweite in einem vernetzen Kontext. Sie nehmen durch ihr Handeln den vormals passiv rezipierten Raum des öffentlichen Diskurses in Besitz.
Die klassische Funktion von Redaktionen fällt deshalb im Aushandlungsprozess des öffentlichen Diskurses zunehmend weg.

Was bedeutet das für Lokaljournalisten?

Der Lokaljournalismus ist in Deutschland von zwei wesentlichen Konstanten geprägt:
1. Print vs. 2. Online

Print

Das Kerngeschäft des Lokaljournalismus bezieht sich auf eine meist durch jahrzehntelange regionale Verankerung entstandene Monopolstellung. Das Verlagshaus vertreibt einen Mantelteil, der zentral produziert wird und unter regionalen Submarken lokal vermarktet wird. Die Anzeigenkunden können zwischen einer Gesamt- und einer Teilauflage wählen, wenn sie ihre Werbung platzieren möchten. Im Regelfall gibt der verkaufte Anzeigenbereich den verbleibenden Inhaltsteil vor.
Die Distribution steht über die Abonnements in Verbindung zu einer stabilen –  und über die darüber hinaus verkaufte Auflage zu einer schwankenden Reichweite.
Klassischerweise ist die Distribution stark mit dem Anzeigenverkauf verknüpft und – das ist Teil des Problems – auf Print fokussiert. Print definiert noch immer die Vorgaben für den Inhalt.

Online

Der immer noch als Feind des Print betrachtete Akteur ist „Online“. Im Regelfall wird hier der Printinhalt aufbereitet und wiederverwertet. Es wird zwar zunehmend auch digital produziert, der Wert von Online wird jedoch imme nur noch in reinen Klicks gemessen. Focus Online ist vielleicht das Paradebeispiel dafür, wie eine reine Klickoptimierung zu einer Verschlechterung des Inhalts führt.

Inhalt

Content is king – ging und geht schon lange als Schlagwort durch die Szene. So abgedroschen das klingen mag, so aktuell ist es. Besonders für den Lokaljournalismus!
Denn gerade der Lokaljournalismus hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem, was wir User-Generated-Content nennen.
Lokaljournalismus ist:
– Vernetzt
– Informiert

Beides sind die eigentlichen Gewichte, die der Lokaljournalismus im Wettbewerb um Aufmerksamkeit in die Waagschale schmeißen kann.

Es geht gar nicht um Geschwindigkeit!

Es geht um den Hintergrund der Nachricht.
Das was Lokaljournalisten können ist eine Nachricht zu recherchieren, zu fundieren und sie zu erklären. Was sie nicht können ist:
Mit der Geschwindigkeit der Live-Medien wie Twitter zu konkurrieren oder gar exklusive (inter-)nationale Nachrichten als erste zu verbreiten.
In beiden Fällen spielt meist der Zufall eine Rolle, sollte es einem Lokalmedium gelingen einmal schneller als Spiegel-Online zu sein oder durch Zufall einen Twitternden Journalisten am Ort des Geschehens zu haben.

Monitoring statt Exklusivität

Die Zukunft und wohl auch die große Chance des Lokaljournalismus liegt meines Erachtens darin, den user-generated-Content zu sichten und zu bewerten.

Es ist immer eine Frage des Blickwinkels.
Bisher machen die meisten lokalen Medien den Eindruck, dass sie von der digitalen Transformation der Öffentlichkeit überrascht wurden und dieser vorrangig unter dem Blickwinkel von Print begegnen. Die Verleger diskutieren über Bezahlschranken und darüber ob ihnen Google das Geschäft mit der Exklusivität vermasselt.
Was nur wenige Verleger und Redaktionen bedenken ist, dass sie doch gar nicht – schon gar nicht auf lokaler Ebene – mit der Geschwindigkeit von Google mithalten müssen.
Sie müssen ihre Inhalte ausspielen. Sie müssen Themenseiten mit starken Inhalten aufbereiten und so ihre Leser erreichen. Ob diese Inhalte rein digital oder zusätzlich in Print veröffentlich werden spielt dann eine nachrangige Rolle.

Wichtig ist, dass Lokalredaktionen die ganz weit oben angesprochenen Dynamiken des Web 2.0 aktiv für sich nutzen. Sie also beispielsweise in Facebook-Gruppen beobachten, welche Themen und Ereignisse gerade geteilt werden, welche Debatten geführt werden und welche Fragen aufgeworfen werden. Die Nachricht ob beispielsweise ein Feuerwehreinsatz stattfindet ist bereits durch die User generiert und verbreitet worden. Die Information über den Einsatz und die genauen Hintergründe kann nur die Lokalredaktion liefern.

Bei Themen, die lokal und regional eine große Aufmerksamkeit hervorrufen ist das Vorgehen ähnlich. Es muss in den sozialen Medien, wie auch in Blogs beobachtet werden, welche Themen diskutiert werden. Über separate Landingpages mit einem vertieften redaktionellen Inhalt können diese Diskussionen dann begleitet werden.

Weg von der Tageszeitung – hin zum Magazin

Alle im Vorhinein besprochenen Bedingungen des digitalen Diskurses müssen deshalb auch in einem Wandel der Präsentationsform lokaler Medien ihren Ausdruck finden.
Der klassische Mantelteil einer klassischen lokalen Tageszeitung findet nur noch geringe Relevanz, wohingegen der Lokalteil mit vertieften Inhalten erhöhte Aufmerksamkeit erzeugen wird. Es gilt also die Gewichtung dieser beiden Bestandteile der Lokalzeitung zu verändern.

Es sind die Inhalte, die die Distribution bestimmen, nicht die Formate, die die Herangehensweise an den Inhalt einschränken.

Wenn Inhalte plattformübergreifend gedacht werden, können sie auch jeweils passend ausgespielt werden. Diese Inhalte brauchen jedoch Platz. Online haben sie den. In Print müssen sie ihn bekommen. Durch eine Fokussierung auf regional/lokal relevante Themen.

Verkürzt gefragt:

Was bringen mir die Wahlergebnisse am Montag in der regionalen Tageszeitung?

Eine lokal/regional aufbereitete Bewertung der Ergebnisse hätte dagegen höhere Relevanz.

tl;dr

Was sich seit längerer Zeit zeigt, ist, dass die regionale Tageszeitung in einem Relevanzdilemma gefangen ist. Einerseits ist sie immer noch Ausdruck regionaler Nachrichtenautorität, andererseits verliert sie zunehmend an Bedeutung für eine neue Generation an Menschen, deren Informationsverhalten sich radikal verändert hat. 

Neben der Diskussion über die Monetarisierung von regionalen Nachrichten muss eine Debatte über die Relevanz regionaler Tageszeitungen geführt werden. Hierbei liegt meines Erachtens der Schwerpunkt auf der Informationstiefe und nicht auf der Informationsschnelligkeit.

Langfristig wird der Spruch „Print ist tot“ sich m.E. nicht bewahrheiten. Die Frage ist jedoch, ob die regionale Tageszeitung sich in Richtung eines stärker durch vertiefte Inhalte getriebenes Magazin verändern muss.

Die regionale Tageszeitung muss also ihre Rolle im öffentlichen Diskurs im Kontext der Digitalisierung neu finden und sich als Contentauthorität beweisen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.