Welcome to Provinz

In Erlangen werden gerade die Grundsätze des Rechts auf Meinungsfreiheit debattiert, weil eine sich selbst als ironisch bezeichnende Bewegung „für das Verbot der CSU“ zu einem Marsch durch Erlangen aufgerufen hat.

Sie gibt ihrer Kundgebung das Motto „Welcome to hell“. Damit will sie dem Christ und bayerischen Innenminister in seiner Heimatstadt symbolisch zeigen, dass ihn für seine Taten das Höllenfeuer erwarte.

Man kann Protest – gerade gegen die Politik des bayerischen Innenministers – auch intelligenter und mit Niveau ausdrücken. Man kann es aber im Rahmen der Meinungsfreiheit auch provinziell machen. Die Urheber dieser Demonstration haben sich offensichtlich für letzteres entschieden. Die ganze Aktion ist mit einer eher amateurhaften Photomontage bebildert. Es wird Joachim Herrmann in einem Feuer gezeigt. Wer sich ernsthaft durch den Text des Aufrufs gequält hat, wird feststellen, dass es den Urhebern wahrscheinlich – neben Inspiration und Humor – an einigem mehr mangelt:

Erstens fehlt wohl ein grundlegendes Verständnis von Religion, besonders vom Katholizismus und dem Protestantismus. Sollte es einen Gott geben und sollte Joachim Herrmann wie alle anderen Christen vor diesem Gott einmal stehen, wird dieser Gott mutmaßlich schon selber wissen, was er mit den generell sündigen Gläubigen macht. Übrigens auch mit den Sündigen, die anderen Menschen die Hölle wünschen.

Zweitens haben diese Leute ein Urvertrauen in den ÖPNV, welches sie als Pendler-Amateure auszeichnet. Man will tatsächlich um 13:40 aus Nürnberg abfahren um pünktlich um 14 Uhr in Erlangen zu sein? Dem Ganzen liegt wahrscheinlich ein gutgläubiges Gottvertrauen zu Grunde, welches der Arbeitspendler so nicht teilen kann.

Drittens bin ich gespannt, ob die Demonstranten wissen, welche Strecke sie da zurücklegen müssen. Vom Bahnhof zur CSU und zurück. Vielleicht kann man ja auch einen Shuttle Dienst einrichten. Die armen Ironiker sollen sich ja keine Blasen laufen.

So Lächerlich und so plump ich diese „Ironie“ finde. So wenig kann man diesen Demonstranten das Recht auf freie Meinungsäußerung absprechen. 

Ob Gewalt von den Demonstranten ausgehen kann weiß ich nicht. Ob diese “ironische Aktion” auch ironisch gewaltfrei bleibt, wenn sie Widerspruch erfährt, ihr mit Ironie begegnet wird oder eine starke Polizeipräsenz vor Ort ist: keine Ahnung. Spricht man mit Stadträten und Polizisten dann heißt es, dass die Gefahr überschaubar bleibt. Spricht man mit Anwohnern hört man durchaus auch Besorgnis.

Dazu beigetragen hat sicherlich der mehr als reißerische Artikel in den Erlanger Nachrichten vom 21.09. und die sich anschließende über das Ziel hinausgehende politische Reaktion.

 

Da wird das Bildmotiv der Demonstranten mit dem Porträt von OB Florian Janik nachgestellt. Das Bild hängt an einem Laden abseits der Demonstrationsroute und legt durch Lächerlichkeit, Provinzialität und Mangel an demokratischer Diskussionskultur die Latte des Niveaulimbo sogar noch tiefer. Ein Vorwurf, der in diesem Plakat mitschwingt ist, dass die Stadtspitze mit den „Welcome to hell“-Demonstranten indirekt sympathisiere. Das ist offensichtlich populistischer Blödsinn. Auch der Wunsch danach, den Demonstranten aufgrund der Geschmacklosigkeit ihrer Plakate das Recht auf die freie Meinungsäußerung zu verweigern, zeigt fehlende demokratische Grundkenntnisse. Genauso wie wir Rechtspopulismus aushalten müssen, müssen wir provinzielle Ironie und stupide Plakate aushalten.

Der Vorwurf allerdings, dass die Anwohner der Demonstrationsroute nicht informiert wurden, also davon ausgegangen wurde, dass der Demonstrationszug einfach so vorbeizieht in der Friedrichstraße und keinem auffällt, bleibt bestehen. Nachdem der Artikel in den EN erschien fand sich auf der Website der Stadt Erlangen: Nichts. 

Diese mangelnde Informationskompetenz ist die eigentliche Tragödie. Man kann zu dieser Demo stehen wie man will, aber man muss die Menschen in der Innenstadt schon darüber informieren – und zwar zeitnah und umfassend. Und man sollte begründen, weshalb man die Route durch die Innenstadt zulässt. Da hätte sicherlich eine bessere Alternative gefunden werden können, die nicht an einem der größten Spielplätze oder an zahlreichen Geschäften vorbeiführt.

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